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Die Hauptstadt Windhoek

Impressionen aus Namibia im Herbst 2014 - Teil 1

Der Südwester Reiter im Museum



Die allermeisten Besucher erreichen das südwestafrikanische Land über den kleinen internationalen Airport, der 45 Kilometer östlich seiner Hauptstadt Windhoek liegt. Die Stadt in 1650 Meter Höhe präsentiert sich mit angenehmem Hochlandklima und ist malerisch von Bergen umgeben.


Blick auf Windhoek


Auf einer Anhöhe im Stadtgebiet ist viel Grün in Gärten und im Oktober bläulich blühende Jacaranda-Bäume zu erkennen. Im Zentrum der Stadt überragt ein modern gestalteter Turm einige Bürohäuser – das Unabhängigkeits-Gedenkmuseum von Namibia.


Zentrum mit dem neuen Unabhängigkeitsmuseum
Zentrum mit dem neuen Unabhängigkeitsmuseum
Die Christus-Kirche
Die Christus-Kirche



Neues nationales Monument

In die aktuellen Reiseführer (1) hat es das neue Unabhängigkeits-Gedenkmuseum( Independence Memorial Museum) noch nicht geschafft. Der 40 Meter hohe fünfstöckige Glasbau wurde nach mehrjähriger Bauzeit erst im März 2014 eröffnet.


Das Unabhängigkeits-Gedenkmuseum


Bereits 1990 erlangte Namibia im Zuge eines jahrzehntelangen Befreiungskampfes die Unabhängigkeit von Südafrika. Das dann viele Jahre später geplante Nationalmuseum der Republik Namibia machte schon bei der Auswahl seines Standortes Schlagzeilen. Denn der Platz, wo es in der Mitte der Hauptstadt Windhoek errichtet werden sollte, war besetzt.

Hier thronte seit etwa hundert Jahren das knapp fünf Meter hohe Standbild des Südwester Reiter auf Granitblöcken. In seiner linken Hand hält er die Zügel, in seiner Rechten das Gewehr, abgestützt auf seinem Oberschenkel. Das Reiterdenkmal wurde hier 1912 eingeweiht. Es erinnerte an die Kolonialkriege, die das deutsche Kaiserreich gegen die Einheimischen führte und listete die knapp zweitausend Opfer auf - allerdings nur auf deutscher Seite. Die vielen Zehntausenden Toten der südwestafrikanischen Stämme blieben ungenannt. Unter 75 jähriger Apartheid-Herrschaft Südafrikas blieb der deutsche Reiter unangetastet. Erst vor fünf Jahren musste zunächst das Standbild samt Sockel dem Neubau des Gedenkmuseums einige Dutzend von Metern weichen.


Symbole und viel Pathos

Errichtet wurde das Museum von dem nordkoreanischen Bauunternehmen Mansudae Overseas Project. Den Besucher aus Europa beschleicht das Gefühl, dass der monumentale Pathos aus Nordkorea auch auf die Statuen vor dem Museum und einige Bilder der Ausstellung abgefärbt hat.


Gemälde der Sieger


Ein halbes Jahr nach der Eröffnung kann der Besucher die ersten drei Etagen besichtigen. Sie zeigen die verschiedenen Ethnien des Landes, ihren frühen Widerstand gegen den Kolonialismus und schließlich großflächige Kampfszenen des Unabhängigkeitskampfes und Gruppenporträts der Sieger.


Sam Nujoma im Kampfanzug


Vor dem Museum wird der Besucher am Treppenaufgang durch die überlebensgroße Figur von Sam Nujoma, dem SWAPO-Führer und Gründungspräsidenten des Landes empfangen. Sein rechter Arm ist ausgestreckt und in der rechten Hand hält er die Verfassung des Landes. In seiner Nähe ist eine Frau und ein Mann aus Namibia dargestellt, die symbolhaft ihre Ketten gesprengt haben. Sie recken triumphierend ihre Arme in die Höhe, gerade an jener Stelle, wo der aus Bronze gegossene Reiter der deutschen Schutztruppe Windhoek bewachend für alle Zeiten aufgestellt war.
Aber wo ist der Südwester Reiter geblieben?


Letzter Ritt in die Ausstellung

Er wurde in der Weihnachtszeit 2013 in aller Stille abgebaut und noch einmal einige hundert Meter weiter im Innenhof der Alte Feste abgestellt. Die Alte Feste wurde 1890 von den deutschen Schutztruppen errichtet und ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt. Die Feste musste in ihrer Geschichte keinen einzigen kriegerischen Angriff abwehren. Damit ist nun jetzt als Heimstatt von Ausstellungen auch nicht mehr zu rechnen.


Der abgestützte Südwest-Reiter


Also führte die letzte Strecke des deutschen Reiters symbolhaft ins Museum. Ohne seinen Sockel muss das Pferd samt dem darauf sitzenden Schutztruppenreiter mit Eisenstangen abgestützt werden, damit beide nicht umfallen.

In der Allgemeinen Zeitung (2) vom 16. Oktober dieses Jahres wird auf Seite 13 das Nationale Monument Namibias etwas despektierlich als Kaffeemaschine bezeichnet und in einer Fotomontage unter einem flotten Spruch anstelle von Nujoma die Figur von Kim Il Sung gesetzt. Um die Pressefreiheit der Deutschstämmigen in Namibia muss man sich wohl keine Sorgen machen.


Township Katutura im Wandel

Das Land im Südwesten Afrikas hatte nach 31 Jahren deutscher Kolonialzeit dann Jahrzehnte lang als Provinz von Südafrika unter der Apartheid-Politik zu leiden. Die schwarze Bevölkerung wurde in andere Regionen in Homelands zwangsumgesiedelt oder in ärmliche Wohnsiedlungen, so genannte Townships, eingepfercht. Auch Windhoek hat solch eine Siedlung. Sie nennt sich Katutura und von ihr hieß es: „Der Ort, an dem niemand wohnen will.“ Bei einer Stadtrundfahrt sollte in der Gegenwart Katutura unbedingt auf dem Programm stehen.


 Township Katutura
Township Katutura
Casa Piccolo in Klein Windhoek
Casa Piccolo in Klein Windhoek


Viele Behausungen sehen mit den Augen des Touristen aus Europa armselig und teilweise erbärmlich aus. Aber in der Siedlung sind auch neue kleine Behausungen aus Stein entstanden und Wasser und Elektizität sind vorhanden. Und so heißt es heute in Windhoek über Katutura: „Der Ort, wo viele gern wohnen wollen.“ An den Vierteln der gut betuchten Bevölkerung wie Ludwigsdorf und Klein Windhoek hat sich nichts verändert.


Wechselnde Namen der Straßen

Auch auf einem Spaziergang durch Windhoek, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Namibias mit der einzigen Universität des Landes, entdeckt man überall Spuren deutscher Kolonialzeiten und sich wandelnder Geschichte in Straßennamen. Da erhebt sich die neoromanische Christus-Kirche, angrenzend ein schöner gepflegter kleiner Park.

Von Palmen und Jacaranda-Bäumen umgeben das frühere Verwaltungsgebäude von Südwest, genannt „Tintenpalast“, in dem damals die Kolonialbeamten so manches Tintenfass leer schrieben. Heute dient das langgestreckte Gebäude als Sitz der Nationalversammlung.

Nahe der Christuskirche steht das 1891 errichtete Ludwig-von Estorff-Haus. Früher beherbergte es Truppenhandwerker und Kommandanten der Schutztruppe, heute das Goethe-Zentrum, das deutsche Kulturzentrum im Land. Es befindet sich in der Fidel Castro-Street. Die Hauptmagistrale, zu Kolonial-Zeiten Kaiserstraße, heißt jetzt Independence-Avenue. Weitere große schöne Alleen tragen den Namen von dem in der westlichen Welt umstrittenen Präsidenten von Simbabwe Robert Mugabe und dem großen Staatsmann Südafrikas Nelson Mandela.


Keine Avenue für Genscher

An der Grenze zum Township Katutura gibt es auch eine Genscher-Straße. Dass der Name des langjährigen deutschen Außenministers keine der großen Avenuen im Zentrum schmückt, hat sicher auch mit dem Verhalten der BRD in der UNO zu tun, wo man mit anderen westlichen Ländern im Interesse von Südafrika und eigenem Interesse 13 Jahre lang freie Wahlen in Namibia unter internationaler Aufsicht verhinderte.

Der Südwester reitet nur noch im Museum und manche deutsche Straßennamen verdampfen unter der heißen Sonne Namibias. Doch die große Anzahl deutscher Touristen muss deswegen nicht hadern. Denn vieles an deutschem Kulturgut ist in Windhoek und ganz Namibia unsterblich, wie deutsches Brot, deutsche Wurst, deutsches Bier und sogar deutscher Karneval und das Oktoberfest.


(1) Dumont, Nelles tour guide u.a.
(2) Die älteste Tageszeitung in Namibia und die einzige in deutscher Sprache erscheinenden Tageszeitung Afrikas,


Text und Fotos: Ronald Keusch; Oktober 2014
Anmerkung: Klicken Sie zur Vergrößerung aller Fotos im Beitrag auf selbige.


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